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Nachdem ich Sina Trinkwalder vor einigen Wochen auf der Aufschwung-Messe in Frankfurt erlebt habe, bin ich ein totaler Fan von ihr. Ich liebe sie dafür, dass ihr Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und ihr Herz so groß waren, dass sie aus ihrer selbst gegründeten Werbeagentur ausstieg, um eine Firma für Menschen aus dem Boden zu stampfen, die auf dem Arbeitsmarkt durchs Raster gefallen sind. Ich bewundere sie für ihren Mut, ihr ganzes Erspartes aufzuwenden und es in ein Unternehmen zu investieren, von dem alle erfahrenen Menschen um sie herum wortreich erklärten, dass es nichts werden könne. Sie spricht von ihrem Bauchgefühl, das sie geleitet hat, und auch wenn sie keine „Sozial-Uschi“ sei, so hat sie doch eine so starke DSL-Leitung zu ihrer Intuition, dass ich sie nur beneiden kann. Als ich ihr zuhörte, traten mir vor Rührung die Tränen in die Augen. Am Ende des Vortrags musste ich sie umarmen.

Nachdem sie auf der Messe ihre Geschichte angerissen hatte, wollte ich unbedingt die Extended Version wissen. Nun, wo ich das Buch gelesen habe, ringt mir diese Frau noch mehr Respekt ab – stimmt nicht, von abringen kann keine Rede sein, denn ich gebe ihn ihr gern. Schon allein, wie sie sich traut, mit Politikern zu sprechen, ist beeindruckend (sogar Peer Steinbrück hat sie in ihrer Fabrik besucht!). Sie kann jeden Handgriff in der Fabrik selbst, weil sie nur auf diese Weise abschätzen kann, wie lange man dafür brauchen muss. Eine Maschine hat sie allein aufgebaut, weil die Anleitung in Chinesisch war und ihr erfahrener Techniker aufgegeben hat. Als sie die Taschen für dm fertigte, hat sie z.B. 72 Stunden ohne Pause Taschen geriegelt (ich weiß immer noch nicht genau, was das ist), damit sie zum Abgabetermin alle fertig waren. Und so weiter.

Das Zusammentreffen mit Sina Trinkwalder und ihr Buch haben viel mit mir gemacht. Sie hat ja nicht nur Manomama aus dem Nichts gegründet, sondern auch zuvor zusammen mit ihrem Mann eine Werbeagentur einfach mal so eröffnet und sie zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut. Noch auf der Messe fragte ich mich, warum ich immer noch ein Eine-Frau-Unternehmen habe, und was ich tun müsste, um das zu ändern. Bisher habe ich noch keine Antwort darauf gefunden, aber ich arbeite daran – auch an der Frage, warum ich das eigentlich ändern will.

Ich gestand mir ein, dass ich nicht so mutig wäre, mein ganzes Erspartes in ein Unternehmen zu stecken, das von Anfang an totgeredet wird. Wenn man mir eine Unternehmung von allen Seiten ausreden würde („Spinnst du, an einem toten Standort in einer toten Branche, von der du keine Ahnung hast, mit Sozialkrüppeln eine Firma zu gründen?“), dann gäbe ich die Idee als idealistisches Hirngespinst auf. Ich würde mich auch nicht trauen, so forsch mit anderen Menschen zu sprechen, wie sie es tut (wobei sie ja nur mit Würdenträgern so spricht, nicht mit ihren Angestellten).

Aber wenn ich eine gutgehende Werbeagentur hätte, die lauter Unternehmen betreut, welche nur sinnfreie Produkte vertreiben, dann könnte auch mein Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit immer lauter schreien und mich zum Aussteigen bewegen. Dass ich an diesem Punkt nicht stehe, liegt daran, dass ich sowieso nur „Weltverbesserer“ mit meiner Arbeit unterstütze. Außerdem ist es viel leichter, sich für andere Menschen mit Obrigkeiten anzulegen als für sich selbst – vielleicht würde ich das doch hinkriegen. Doch ich stehe sowieso an einer ganz anderen Stelle als Sina, denn ich habe keine 1,3 Mio. unter der Matratze, die ich mal eben investieren könnte.

Die Tatsache, dass Sina sich auch nur 10,- pro Stunde bezahlt, hat mich zunächst wahnsinnig beeindruckt, denn das ist wirklich nicht viel. Aber dann fiel mir ein, dass ihr Mann die Werbeagentur ja immer noch besitzt. Wenn beide nur 10,- Stundenlohn hätten, wäre das eine andere Situation. Und dennoch finde ich es großartig und wegweisend, dass sie es tut.

Sina Trinkwalder ist in meinen Augen eine Galionsfigur, die zeigt, wie es mit der deutschen Wirtschaft weitergehen sollte. Warum braucht eine Firma so viel Gewinn, anstatt ihn an die Angestellten weiterzugeben? Gestern bei Hart aber fair sagte Sina zu Jörg Handwerg, dem Pressesprecher der Vereinigung Cockpit der Lufthansa: „Warum brauchen Sie denn 188.000,- Einkommen im Jahr? Sie sind doch sowieso nie da!“

Man braucht nicht sehr viel Geld, um glücklich zu sein.

Daniel Kahneman, Glücksforscher und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und untersuchte die Antworten von 450.000 US-Bürgern im Gallup-Healthways-Well-Being-Index zu der Frage: „Bis zu welchem Betrag macht mehr Geld glücklicher?“ Er fand heraus, dass die Befragten bis zu einem verfügbaren Einkommen pro Haushalt (das ist vermutlich netto gemeint) von 75.000 Dollar (circa 54.000 Euro) tatsächlich zufriedener waren. Die Befragten, bei denen das Jahreseinkommen 75.000 Dollar überstieg, waren zwar immer noch zufriedener, aber der Anstieg war Zufriedenheitskurve war viel flacher.

Dies zeigt, dass man irgendwann gesättigt ist, ähnlich wie man Salz in einem Glas Wasser nicht in unbegrenzter Menge auflösen kann. Dass auch reiche Menschen nach immer noch mehr Geld streben, liegt a) daran, dass wir uns ständig mit anderen vergleichen, und b) dass das anfängliche Glücksgefühl über den neuen Porsche sich relativ bald abnutzt: Wir nehmen den Porsche als selbstverständlich und schielen schon nach dem nächstgeileren Modell. Aber welches Bedürfnis erfüllen wir uns damit, ständig einen neuen Schlitten zu kaufen? Abenteuer kann man auch mit dem Vorgängermodell erleben. Ich glaube, es hat viel mit Langeweile zu tun und mit Signifikanz: Ich bin wichtiger, toller als die anderen. Das ist der Schwanzvergleich des modernen Mannes.

Ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen. Denn wenn man ab einem bestimmten Jahreseinkommen sowieso nicht mehr glücklicher wird, braucht man es auch nicht. Lasst uns doch einfach das Einkommen derer anheben, die noch nicht so viel haben.

Zurück zu Sina, um die es hier eigentlich geht: Sie ist die Hummel, die fliegt, weil sie nicht weiß, dass sie ob des Verhältnisses Gewicht – Flügel eigentlich gar nicht fliegen kann. Sie ist das Beispiel, das wir brauchen, um zu sehen: Hallo, es geht wohl. Und sie zeigt uns, wie Menschen gestrickt sind: Die meisten von uns brauchen einen sinnvollen Job und gute Beziehungen (z.B. zu unseren Kollegen oder unserem Chef), um glücklich zu sein. Wir wollen uns gebraucht fühlen, wirksam sein, Verantwortung tragen und Wertschätzung erfahren. Ist doch gar nicht so schwer, oder?

Ich freue mich, dass Sina ist, wie sie ist und überall den Finger in die Wunde legt und ihr Anliegen gebetsmühlenartig wiederholt. Hoffentlich tun es ihr viele nach.