Diese Krise setzt allen bisherigen die Krone auf.

Nachdem seit dem 23.03. auch in Hessen alle Geschäfte wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind, habe ich den Impuls, mich endlich auch öffentlich dazu äußern zu wollen.

Lange habe ich Corona gar nicht ernst genommen. Als ich hörte, dass Messen abgesagt werden, dachte ich amüsiert: „Was für eine Hysterie!“ und konnte es kaum glauben. Als ich hörte, dass öffentliche Veranstaltungen nicht mehr stattfinden dürfen, war ich immer noch fassungslos und dachte „WTF?!“.

Ich muss darauf hinweisen, dass ich ein ziemlich ängstlicher Typ bin. Mein System ist leider so organisiert, dass ein Teil von mir alles glaubt, was irgendjemand sagt. Als ich z.B. knapp sechs war, genügte es, wenn andere Kinder mir mit drohender Stimme verkündeten, sie hätten einen Elefanten in der Hand. Obwohl ich ein sehr intelligentes Kind war und hätte erkennen können, dass dies gar nicht möglich war, war ich jedesmal völlig paralysiert – noch mehr natürlich, wenn jemand sagte, er habe eine Spinne in der Hand, denn das war ja sogar immerhin möglich. Da ich die ersten acht Jahre meines Lebens in einem eher bildungsfernen Vorort von Frankfurt lebte, kann man sich vorstellen, dass die anderen Kinder sehr an mir schätzten, dass sie ihre Aggressionen gut an mir kanalisieren konnten. Es war leider nicht annähernd so lustig, wie es sich jetzt liest.

Da ich in den Achtziger Jahren Jugendliche war, erstarrte ich, wenn jemand von der Möglichkeit eines Atomkrieges sprach. Dieser war ja leider relativ wahrscheinlich, fand dann aber glücklicherweise doch nicht statt.

Auch noch als Erwachsene fürchtete ich mich vor allem Möglichem, was durch’s Internet geisterte: Vor diversen Weltuntergängen, vor dem Millenium, vor dem Einschlag irgendwelcher Meteoriten usw. Und es war völlig gleichgültig, ob ich selbst die Quelle als abstrus einschätzte. Der Gedanke hatte seinen Weg in mein System gefunden und führte dort dazu, dass ich zu frieren begann, dass ich wie gelähmt war und für Stunden nur noch starr dasitzen konnte.

Schon lange habe ich mir deshalb abgewöhnt, regelmäßig Nachrichten anzuschauen. Ich will weder wissen, wie viele Atomtests Nordkorea macht, noch, ob sich ein amerikanischer Präsident mit den Russen anlegt und warum. Auch über den Klimawandel kann ich nichts mehr hören, weil ich davon furchtbar traurig werde und -na klar- auch Angst bekomme. Gleichwohl bemühe ich mich, meinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Aber alles, was ich selbst nicht oder viel zu wenig beeinflussen kann, kann ich mir nicht zumuten. Und ich will nicht mal wissen, dass es etwas gibt, das ich mir nicht zumuten darf, weil mich selbst das oft schon paralysiert. Nur ganz gelegentlich, wenn ich vermute, die Nachrichten sind harmlos, wage ich, sie anzuschalten.

Vor diesem Hintergrund ist es ein großes Ding, dass mich das Corona-Virus völlig kalt gelassen hat. Ich war selbst überrascht. Und ich dachte, wenn nicht mal ich davor Angst habe, dann gibt es auch nichts, wovor man sich fürchten müsste. Umso erstaunter war ich, als die Maßnahmen immer abenteuerlicher wurden.

Vor wenigen Wochen habe ich an einer systemischen Aufstellung zum Corona-Virus teilgenommen und auch von anderen Aufstellungen zum selben Thema erfahren. Der Inhalt war jeweils: Die gute Absicht ist, uns Menschen zu grounden, also uns Hausarrest zu geben, damit wir uns wieder mit uns selbst und unserer Menschlichkeit verbinden. Wir haben den Kontakt zu uns selbst und zur Erde verloren und können jetzt lernen, was wirklich wichtig ist; wir spüren den Zusammenhalt untereinander und die Sehnsucht nacheinander. Was mir gefällt, ist, dass die ganze Welt da drin hängt. Das schafft so viel Verbundenheit. Wir ziehen alle am selben Strang, und wir sehen nun deutlich, wie alles miteinander verbunden ist und voneinander abhängt.

Aber auch wenn ich vor dem Virus keine Angst habe, stelle ich in meinem System doch Angst fest vor vielen Begleiterscheinungen: Ich könnte mir bürgerkriegsähnliche Situationen vorstellen, wenn das noch lange so weitergeht. In Berlin gehen z.B. schon wieder viele Menschen auf die Straße und rufen, dass sie das Volk seien.
Oder ich kann mir vorstellen, dass viele der Maßnahmen, die die Bundesregierung eingeführt hat, nicht wieder aufgehoben werden, weil sie ja auch nach der Krise so praktisch sind, und dass sich unser Staat dann in Richtung China entwickelt. Sehr bedenklich finde ich auch, dass laut Infektionsschutzgesetz alles am Robert-Koch-Institut und dem Gesundheitsministerium hängt. Jens Spahn wird gerade zum Superminister, der ohne parlamentarische Kontrolle alles Mögliche entscheiden kann.
Außerdem auffällig finde ich, dass WhatsApp die Verbreitung von Falschmeldungen eingrenzt – das impliziert, dass der Mutterkonzern Facebook zu wissen glaubt, was eine Falschmeldung ist. Für mich gehört das in den Bereich Zensur. Das bin ich von meiner täglichen Arbeit zwar gewöhnt, weil ich ja häufig mit Methoden zu tun habe, die angeblich unwirksam sind. Aber dass es jetzt schon so weit gekommen ist, dass WhatsApp meine privaten Konversationen praktisch zensiert, indem ich einen “falschen” Artikel nur noch an eine Person weiterleiten darf anstatt an fünf, das macht mir ein bisschen Angst vor dem, was uns noch bevorstehen könnte.
Wir könnten eine Gesundheitsdiktatur bekommen mit Impfzwang, Weitergabe unserer Gesundheitsdaten ohne unser Wissen und flächendeckendem Tracking. Unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes kann man viele schöne Maßnahmen etablieren, wenn die Bevölkerung von der Angst so weichgekocht wurde, dass sie einfach viel einsichtiger ist in Bezug auf die Beschneidung ihrer Grundrechte, als sie das ohne Corona gewesen wäre.

Viele Verschwörungstheoretiker hauen genau in diese Kerbe, aber das will ich gar nicht hören. Ich mag keine reißerisch aufgemachten Informationen mit Wut, Zynismus oder Polemik und vielen Ausrufezeichen; es macht mir Angst. Da ich sowieso viel zu leicht auf jeden Angstzug aufspringe, brauche ich ruhige, sachliche Informationen wie z.B. von Prof. Dr. Carsten Scheller:

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Ich finde es unglaublich schwierig, die Wahrheit herauszufinden, denn in fast allen Bereichen fehlt mir das Fachwissen, um mir wirklich eine fundierte Meinung erlauben zu können. Ich muss also anderen Menschen glauben und vertrauen. Hierfür habe ich eigene Kriterien:

1. Die Person spricht ruhig und sachlich. Wenn jemand eine Meinung vertritt, der ich eigentlich nahestehe, kommt es sehr darauf an, wie er/sie diese vertritt. Ärger, Sarkasmus und Agitation stören mich immer, sogar bei Organisationen, die ich unterstütze (wie z.B. Greenpeace oder Foodwatch). Auch wenn jemand mich zu etwas drängen will, mache ich sofort dicht. Greta Thunberg bildet eine Ausnahme, weil ich ihre eigene Angst und Emphase spüren kann, weil ich sie als grundehrlich erlebe, und weil sie in meiner Wahrnehmung noch ein Kind ist.
Gegen ein bisschen Humor habe ich bei aller Sachlichkeit auch nichts einzuwenden, daher empfehle ich auch den Blog von Harald Walach. Er hat z.B. einen erhellenden Artikel über die Fehler von Statistiken veröffentlicht, natürlich in Bezug auf Epedemien im Allgemeinen und die aktuelle im Besonderen.

2. Die Person hat keine eigenen Pfründe im Thema. Dies ist z.B. nicht der Fall bei der Pharma-Industrie. Diese hat immer einen Vorteil aus Krankheiten, daher bin ich von Natur aus misstrauisch, wenn ein Medikament involviert ist.

3. Ich kenne die Person persönlich und weiß, dass sie sich auskennt. Falls die Person jedoch reißerische Artikel teilt, kann mein Vertrauen auch absterben.

4. Ich kenne die Person nicht, aber sie ist mir sympathisch. Dieser Punkt geht notwendigerweise mit 1) zusammen.

Richtig ins Schleudern komme ich, wenn ich widersprüchliche Statements von Menschen unterschiedlicher Lager höre, die ich gleichermaßen schätze. Und wenn zusätzlich noch Zahlen involviert sind. Dann weiß ich nicht mehr weiter, denn ich habe ja keine Kapazität, ein Statistik- oder ein Medizinstudium zu absolvieren, nur um mir ein zutreffendes Bild zu machen. Es ist eben wirklich ungeheuer schwierig, die Wahrheit herauszufinden, wenn man vom Fachgebiet keine Ahnung hat. Oft fühle ich mich wie eine Flipperkugel, die zwischen zwei unterschiedlichen Polen hin und her geschleudert wird und immer den Pol plausibel findet, zu dem sie gerade Kontakt hat.

Aber ich fokussiere mich immer wieder auf das Positive der Situation und versuche, mich nicht von der Angst anstecken zu lassen. Ich telefoniere viel mit Freunden. Und ich gehe in die Natur.

Und ich bin dankbar, dass sich meine Arbeit durch Corona nur wenig verändert hat, denn mit den allermeisten Kunden telefoniere ich auch in normalen Zeiten nur. Manche Kunden wollen jetzt ihr Budget zwar lieber einfrieren, aber dafür kommen andere, die gerade jetzt die Zeit nutzen, eine neue Website bauen zu lassen. Und ich freue mich, dass seit Anfang April meine Tochter wieder für einige Zeit bei uns eingezogen ist. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass sie da ist, denn da sie schon 19 ist, habe ich einen Menschen, mit dem ich reden kann. In den Wochen davor war ich alleine, denn mein Mann nimmt seit Anfang März eine Auszeit in Neuseeland und hat nun auch den letzten Rückhol-Flieger alleine abfliegen lassen. Ihm geht es gut; er ist in einem Work away-Projekt untergekommen, wo er sich sehr wohlfühlt. Aber er kommt erst zurück, wenn es wieder Linienflüge gibt.

Trotzdem lasse ich den Kopf nicht hängen (ok, manchmal schon) und tue mein Bestes, die Krise so gut wie möglich für mich zu nutzen.