“Wie lange brauchen Sie für meinen Auftrag?”

Das ist eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen in meiner Berufstätigkeit.

Unter (für den Kunden!) idealen Bedingungen hätte ich mich bis gerade eben gelangweilt und könnte daher direkt anfangen. Wenn ich das Logo schon hätte und außerdem alle Fotos und Texte für z.B. sieben Angebotsseiten und durch nichts gestört würde, könnte ich eine Website theoretisch innerhalb von einer Woche fertigstellen. So die Theorie.

Wie es wirklich läuft:

Gibt es eigentlich KollegInnen, die einem Auftrag eine bestimmte Bearbeitungszeit zuweisen und diese einigermaßen einhalten? Die sagen können: „In der 43. Kalenderwoche baue ich die Website für Müller, in der 44. die für Meyer; Ihre kommt also in KW 45 dran“? In den 15 Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich eine solche Aussage noch nie treffen können. Meine Arbeitsweise erinnert mich an einen Schach-Profi, der gegen viele Leuten gleichzeitig spielt, oder an die Zeit, als ich noch Anwältin war.

In der Regel habe ich mehrere Aufträge gleichzeitig zu bearbeiten. Diese befinden sich in unterschiedlichen Bauphasen: Einige sind fast fertig, mit anderen habe ich noch nicht begonnen – und alles dazwischen.

Wie ein üblicher Arbeitstag aussieht:

Während ich auf Frau Schulzes Feedback zu den Logoentwürfen warte, schließe ich den Webhostingvertrag für Frau Hofmann ab und bitte sie, mir die Mail des Webhosters zuzusenden. In beiden Fällen ist also die Kundin am Zug. Frau Schulze wird krank, Frau Hofmann hat keine Zeit, ihre Mails abzurufen, also schreibe ich schon mal 1-2 Werbetexte für Frau Hagedorn. Herr Holzapfel, der es eigentlich eilig hatte, sagt, er möchte seine Website lieber von einem Bekannten erstellen lassen und trete deswegen vom Vertrag zurück. Dafür rufen zwei neue Kunden an, ich telefoniere mit jedem eine Stunde. Die eine muss noch überlegen, die andere sagt direkt zu.

An manchen Tagen klingelt ständig das Telefon, und ich komme zu gar nichts. An anderen Tagen habe ich vielleicht Fototermine, eine meiner Töchter braucht Unterstützung (beide wohnen 2-4 Autostunden entfernt), oder bei mir selbst treten Unpässlichkeiten auf.

Warum ist es so schwer, zu prognostizieren, wie lange ein Auftrag dauert?

Weil ich nicht weiß, wie sich ein Auftrag entwickelt. Immer wenn der Kunde „am Zug ist“, für diesen Zug aber viel Zeit braucht, habe ich Kapazität für ein anderes Projekt. Daher jongliere ich mehrere Projekte.

Frau Einsel, die zunächst ihr altes Logo behalten wollte, will dann doch ein neues. Es fällt ihr aber schwer, sich zu entscheiden (und das ist auch vollkommen ok), daher dauert dieser Prozess mehrere Wochen, in denen wir vielleicht nur 1x wöchentlich Kontakt haben. Dann fährt sie überraschend für mehrere Wochen ins Ausland. Ich habe wieder freie Kapazität.

Frau Zweiel will die Seite schnell fertig haben, braucht aber viele Wochen, bis sie mir ihre Textentwürfe schickt. Frau Dreiel, die eigentlich viel Zeit hatte, nimmt in zwei Wochen an einer Messe teil und braucht die Website jetzt ganz schnell. Ich stelle alles andere zurück und baue stundenlang an der Seite, bis sich auch noch Frau Vierel meldet, eine langjährige Bestandskundin, und mitteilt, dass ihre Seite gehackt wurde. Natürlich muss ich schnell dafür sorgen, dass sie gerettet wird – und dann schnell wieder an Frau Dreiels Seite weitermachen.

Dafür schickt Herr Fünfel eine Mail, dass er auswandert und die Seite nicht mehr braucht. Frau Sechsel, deren Website total eilig war, teilt mit, dass sie ihre demente Mutter pflegen und die Seite daher auf Eis legen muss. Und auf einmal kann ich Herrn Siebel vorziehen, der annahm, noch Monate warten zu müssen.

Man kann es nie vorher wissen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass sich alles ständig ändert. Daher nehme ich auch dann Aufträge an, wenn ich eigentlich dicht bin, denn vielleicht sagt ja wieder jemand ab? Meist passt es so, dass auch der Kunde zufrieden ist.